Yuki hat mir erzählt, was vor ein paar Tagen im Dojo passiert ist.

Chris ist zehn Jahre alt und trainiert zusammen mit seiner ein Jahr älteren Schwester Jule im Kampfgeist Dojo. An diesem Tag hatten sie schon einiges hinter sich: Sie hatten geübt, sich aus einem Klammergriff zu lösen, Handballenstöße trainiert und immer wieder an ihrer Technik gearbeitet.

Zum Abschluss wollten Chris und seine Freunde noch einen Bruchtest machen.
Sie begannen mit einem dünnen Brett. Für Chris war das kein Problem. Er stellte sich in die Grundstellung. Eine Hand nach vorne, die Schlaghand zurück. Kurz konzentrieren.

Dann kam der Handballenstoß. Aus der Hüfte drehen, Kampfschrei – und durch!

Knack!

Das Brett brach. Chris grinste. Auch die anderen schafften es.

Dann kam das nächste Brett. Es war deutlich dicker.
Einer nach dem anderen trat an. Chris sah zu, wie seine Freunde das Brett durchschlugen. Dann war Jule an der Reihe. Auch sie schaffte es.

Chris im Kampfgeist Dojo vor seinem Bruchtest.

Jetzt kam Chris. Er stellte sich vor das Brett. Linker Arm nach vorne, rechter Arm zurück. Er atmete ein und konzentrierte sich. Dann schlug er zu.

Wumm!

Das Brett hielt. Chris starrte es an. Das kann doch nicht sein. Er wollte es noch einmal versuchen. Diesmal stärker. Schließlich hatten die anderen es auch geschafft. Und Jule hatte es geschafft. Er holte aus.

Wumm!

Wieder nichts. Seine Hand begann zu schmerzen. Aber inzwischen ging es Chris längst nicht mehr nur um das Brett. Er wollte es unbedingt schaffen. Er wollte vor seinen Freunden nicht der Einzige sein, bei dem es nicht klappte. Und vor allem wollte er seiner großen Schwester zeigen, dass er genauso gut war wie sie.

Also schlug er noch einmal. Und noch einmal. Mit jedem Versuch wurde er wütender. Seine Technik wurde schlechter, seine Schläge härter. Doch das Brett blieb ganz.

Schließlich konnte Chris die Tränen nicht mehr zurückhalten. Nicht, weil seine Hand wehtat. Sondern weil er es unbedingt hatte schaffen wollen.

Nach dem Bruchtest schauten alle auf die Hand von Chris.

Akira bemerkte es. Sie ging zu Chris und nahm ihn mit vor die Tür. Dort wartete sie einen Moment, bis er sich etwas beruhigt hatte.

Dann sagte sie:

„Manchmal steht uns nicht das Brett im Weg, sondern das, was wir unbedingt beweisen wollen. Wenn dein Kopf voller Wut und dein Herz voller Ehrgeiz ist, bleibt kein Platz für einen guten Schlag.“

Chris sah sie nachdenklich an.

Akira lächelte.

„Beim nächsten Mal gehst du nicht zum Brett, um es zu besiegen. Du gehst hin, atmest ein und machst einfach deine Technik. Ob das Brett bricht, entscheidet erst der Schlag.“

Am Abend lag Chris in seinem Bett und dachte noch einmal über Akiras Worte nach. Langsam verstand er, was sie gemeint hatte.
Das dicke Brett war an diesem Tag vielleicht gar nicht seine größte Hürde gewesen. Viel schwieriger war der Gedanke gewesen, genauso gut sein zu müssen wie seine Schwester. Aber vielleicht musste er Jule gar nichts beweisen. Und vielleicht musste er auch dem Brett nichts beweisen.

Beim nächsten Mal würde es wieder vor ihm stehen. Aber dann würde Chris einfach nur atmen, seine Grundstellung einnehmen – und schlagen.

Vor dem Kampfgeist Dojo spricht Akira mit Chris.